MANAGEMENT MANAGEMENT 72 | CHEFINFO | 9/2023 FOTOS: EPIXIMAGES / ISTOCK / GETTY IMAGES PLUS, JULIA TRAXLER / EO EXECUTIVES AUSTRIA, JANINE GULDENER dauerhaft im Land zu bleiben. Das beobachte er auch bei den deutschen Managern, die EO Executives für Österreich recruitet: „Viele verspüren schon nach einem Jahr keinen dringenden Wunsch mehr, nach Deutschland zurückzukehren.“ Das zeige sich auch daran, „dass zum Beispiel ein CFO, den wir im letzten Jahr vermittelten, nach einer relativ kurzen Zeit seine Familie nachholte, was kein Einzelfall war“. Wie zufrieden die deutschen Führungskräfte in ihrer neuen Heimat sind, offenbare auch das Feedback, das die zuständigen Berater einholen: „Nach Ablauf des üblicherweise einjährigen Mentorings der Kandidaten zeigt sich, dass ein Gros der deutschen Manager sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Land Österreich angekommen fühlt.“ Bis zu 20 Prozent weniger Gehalt bei Führungskräften Obwohl Österreich – anders als beispielsweise die Schweiz – Führungskräfte nicht gerade mit hohen Gehältern locke: „Wer als Führungskraft von Deutschland nach Österreich geht, und zwar nicht als Expatriate, sondern als angestellte Führungskraft mit österreichischer Sozialversicherung, kann in der Regel kein höheres Gehalt erwarten.“ Viele Manager müssten sogar weniger Gehalt in Kauf nehmen, „in einigen Fällen bis zu 20 Prozent“. Zum Teil ausgeglichen werde dies durch geringere Lebenshaltungskosten, selbst wenn in einigen Lebensbereichen, wie zum Beispiel bei Lebensmitteln, höhere Preise spürbar seien. „Solche Ausnahmen sind aber kein Hinderungsgrund für eine Führungskraft, weil sie bei dem Gehalt einer Führungskraft nicht wirklich zu Buche schlagen.“ Zumal viele Kandidaten ohnehin die Meinung vertreten, „dass der hohe Zugewinn an Freizeitmöglichkeiten, die tolle Landschaft und das Urlaubsfeeling, das sie in Österreich empfinden, materielle Nachteile mehr als kompensiert“. Chancen in der Kunst genützt Was Hener beschreibt, dürfte den gebürtigen Nordrhein-Westfalen Peter Ender, 64, nicht weiter überraschen. Ender, der ursprünglich aus Duisburg stammt und sich an der renommierten Münchner Schauspielschule Otto-Falckenberg zum Schauspieler ausbilden ließ, war 2007 nach Österreich gezogen, nachdem er zum Leiter der Schauspielabteilung der Musik und Kunst Privatuniversität Wien (MUK) ernannt worden war. Eine Berufung, über die er bis heute froh ist. Denn die Jahre in Wien seien fantastisch gewesen, sagt der Theaterexperte, der parallel zu seiner Lehrtätigkeit an der heutigen Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien auch weiter als Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler brillierte. Trotzdem wechselte er nach fünf Jahren an die Zürcher Hochschule der Künste. Dort wurde Ender zunächst Leiter des Master Schauspiel, um mit dem Antritt seiner Professur 2014 zusätzlich die Leitung des Bachelor Schauspiel zu übernehmen. „Das war damals eine große berufliche Chance“, sagt Ender und betont, „dass ich ohne diese besondere Herausforderung, bei der ich viel Neues gestalten konnte, niemals aus Österreich weggegangen wäre“. Und das habe eine ganze Reihe von Gründen. „Zum einen befand sich mein früherer österreichischer Arbeitgeber in einer Stadt, die man nicht nur als Theater-affin, sondern als Eldorado für Künstlerinnen und Künstler bezeichnen kann.“ Ein „Nein“ in Österreich ist oft ein „Ja“ Mindestens ebenso wichtig sei für ihn aber auch gewesen, „dass die Österreicher nicht nur eine sehr klangvolle Sprache, sondern auch eine äußerst liebenswerte Mentalität haben“. Auch das habe dazu geführt, „dass es mir praktisch jeden Tag aufs Neue Freude machte, in diesem Land zu arbeiten“. Zudem habe er in Österreich erfahren, was es heiße, „wenn ein Nein das Tor zum Ja ist“. Konkret meine er damit „die Eigenart vieler Österreicher, bei Vorschlägen zunächst zurückhaltend zu reagieren, um dann doch hurtig einen kreativen Weg mitzugehen“. Im Vordergrund stehe dabei „nicht der graue Kompromiss, sondern die Frage, wie sich mit einer konstruktiven Lösung in kurzer Zeit und möglichst unkompliziert etwas Gutes realisieren lässt“. Das sei eine ausgesprochen positive Denkweise, die erfreulicherweise auch noch „mit viel Schmäh und flachen Hierarchien im Kopf“ einhergehe. Wobei er gerne einräume, in seinen Wiener Jahren nicht nur ewig gut gelaunte Österreicher kennengelernt zu haben und „natürlich auch solche, die ihren Titel gerne vor sich hertragen“. Trotzdem sei für ihn unbestritten, „dass die Österreicher insgesamt deutlich gelassener und lockerer durch die Arbeitswelt gehen als etwa die Deutschen und die Schweizer“. Typisch deutsche „Missverständnisse“ Enders Worte kennt Personalberater Hener gut. Es gebe viele Deutsche, „die das so wahrnehmen und widergeben“. Für einen Österreicher sei das schön zu hören und „sicherlich auch überwiegend richtig“. Allerdings berge diese Wahrnehmung auch Risiken. So werde die vermeintliche Gelassenheit vieler Österreicher, „die sich auch in ihrem Wording widerspiegelt“, von einigen Deutschen bisweilen falsch interpretiert. Denn nur weil die Österreicher „weniger schroff reagieren und formulieren“, seien sie keineswegs verweichlicht. „Es gibt deutsche Manager, die das anfangs denken und daraus irrtümlich ableiten, dass sie sich schon durchgesetzt hätten.“ Mit der Zeit würden sie dann verstehen, „dass mehr sprachliche Höflichkeit nicht als Schwäche zu interpretieren ist“. Seien derlei anfängliche Missverständnisse, die es insbesondere in der Einarbeitungsphase gebe, erst mal ausgeräumt, zeige sich schnell, „dass sich Deutsche und Österreicher in der Arbeitswelt perfekt ergänzen“. EU-Mitgliedschaft als Vorteil Weshalb es für die Österreicher auch tendenziell gut sei, dass die Rezession in Deutschland anhält: „Solange die Dinge in Deutschland eher schlecht laufen, wird ein gewisser Anteil an deutschen Fachkräften weiter sein Glück im Ausland suchen.“ Österreich als beliebtes Zielland profitiere dabei nicht nur wegen der Freizügigkeit in der Europäischen Union, „sondern auch von dem Vorteil der gemeinsamen Sprache“. Diesen Vorteil habe die Schweiz in ihren deutschsprachigen Kantonen zwar auch. „Es wird ihr aber dennoch nicht gelingen, auf der Beliebtheitsskala mit Österreich zu konkurrieren.“ Das sieht Schauspieler Ender genauso: „Man kann in der Schweiz wunderbar leben, zumal die Landschaft dort noch schöner und noch imposanter ist.“ Trotzdem wolle er seinen Lebensabend lieber in Österreich verbringen. Denn hier habe er sich schon nach wenigen Jahren daheim gefühlt. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es vielen meiner Landsleute in Österreich ähnlich geht.“ n Von wegen Piefke-Saga: Deutsche Arbeitnehmer fühlen sich in der Regel in Österreich ausgesprochen wohl. 225 Tausend deutsche Staatsbürger leben in Österreich. Christian Hener geschäftsführender Gesellschafter von EO Executives Austria Viele verspüren schon nach einem Jahr keinen dringenden Wunsch mehr, nach Deutschland zurückzukehren. Peter Ender Schauspieler und Dozent Die Österreicher gehen insgesamt deutlich gelassener und lockerer durch die Arbeitswelt als etwa die Deutschen und die Schweizer.
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