Chefinfo Magazin 9-23

CHEFINFO: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Brauerei zu eröffnen? Philipp Schreyer: Ich arbeitete als Controller bei einem großen Fleischverarbeitungsbetrieb, als ich einen Betriebsrat gründen wollte, kam die Kündigung samt dreimonatiger Gehaltsnachzahlung. Ich hatte also Zeit und Geld und überlegte, was ich nun machen würde. Bier hat mich immer interessiert, also begann ich mit einer Hobbybrauerei. Ich wollte das Märzenbier neu interpretieren. Die meisten Märzenbiere heute sind eine Abart von bayrischem Hellen. Ich tüftelte also und fand meine Rezepturen, von Anfang an und aus Überzeugung in Bioqualität. Der erste Sud erfolgte am 18.03.2018 im Keller unseres denkmalgeschützten Hauses am Stadtplatz in Grein, alles noch semiprofessionell. Ich war entfesselt, rüstete die Anlage auf, machte den Bier- und Diplombier-Sommelier. Ich hatte gute Rohstoffe, ein großartiges Produkt, und ein Alleinstellungsmerkmal. Es folgte damit zwangsläufig der Schritt, das gewerblich machen zu wollen, und dann begann eine regelrechte behördliche Tortur. Es war zum Mäusemelken. Welche Tortur? Schreyer: Ich war im Mai 2019 bei einer Sprechstunde der BH Perg. Es hieß: kein Problem. Es reicht, wenn du uns eine simple Skizze im Word zeichnest, und damit wir uns was vorstellen können, beschreib ein bisschen, was du machen willst – alles ganz easy. Ich war überrascht, dass es so einfach wäre. War es aber nicht. Als ich alles abgegeben habe, hieß es, wir brauchen einen neuen Plan nach der oberösterreichischen Bauordnung, das sei jetzt Vorschrift. Egal – gesagt, getan. Plötzlich kam ein neues Thema auf. Ich habe eine Polsinelli-100-Brauanlage. Ein italienischer Top-Hersteller. Diese ist mit Gas befeuert. Im Hobbybereich ist das egal, aber im gewerblichen wird das schwierig. Schwierig heißt für mich, nicht unmöglich. Ich musste auf einen Rundkocher aus Spanien umsteigen, der für den Innenbereich zugelassen ist. Derweilen hieß es, die Einreichpläne seien nicht normgerecht. Sie wurden dann von einem Baumeister neu gemacht. Dann wieder wollte die BH die Betriebsanleitung der Polsinelli auf Deutsch, die gab es nur auf Italienisch. Ich meinte, sie sollen sie durch den Google-Translator laufen lassen, aber das galt nicht. Der Hersteller musste die Übersetzung liefern. Dann passte plötzlich die CEKennzeichnung der Maschinen nicht. Die hatten zwar alle meine Maschinen, da es aber keine Gesamtanlage ist, sondern aus einzelnen verschiedenen Komponenten besteht, brauchte es für jede einzelne eine Konformitätserklärung. Dazu wurde noch ein Befund bzgl. Flüssiggasverordnung verlangt. Das lieferte ich gleich nach, doch es hieß, es sei das falsche Formular. Jeder dieser Schritte, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, passierte nicht digital, sondern musste auf Papier jeweils viermal ausgedruckt werden. Und es gab noch Dutzende anderer Dinge. Am Ende habe ich dann ein Ingenieurbüro beauftragt, das mir bestätigt hat, dass alles okay ist bzw. eigentlich schon immer okay war. Dennoch haben Sie Ihr Bier auf den Markt gebracht. Wie ist das gelungen? Schreyer: Ich habe das Rezept, alle Rohstoffe, bis auf das Wasser natürlich, und mein Design an die Loncium Brauerei in Kärnten geschickt, die es für mich lohnfertigt. Das nennt man Gipsy Brewing. Dazu gründete ich im März 2023 die Handelsfirma. Es gab einen kurzen Widerspruch, ob ich mich Ackerbürger Bräu nennen dürfte, weil ich in unserem Haus – das Ackerbürgerhaus in Grein – ja nicht brauen würde. Es ging aber als Markenname durch. Kurz danach war mein Bier da. Mittlerweile habe ich rund 3.000 Liter verkauft. ACKERBÜRGER BRÄU. Philipp Schreyer hatte einen Traum, den Traum vom eigenen Bier. Eine „Tour de Farce“ durch den Behördendschungel hätte fast ein kleines Bierjuwel verhindert. Grein an der Donau. Ein Juwel im Strudengau dessen Namen sich von „Grin“, also Gebrüll, ableitet. Zum Brüllen zumute war einem Einwohner der Stadt, als er sich vor fünf Jahren entschloss, eine Brauerei zu gründen. Sein Name passt dazu: Philipp Schreyer. Gleich gegenüber dem 1791 gegründeten Stadttheater, das älteste erhaltene bürgerliche Theater Österreichs, liegt das denkmalgeschützte Ackerbürgerhaus im Familienbesitz. Auch hinter dessen Mauern gab es ein Theater, genau gesagt eine Posse, die den Kampf und Krampf mancher Gründer mit Behörden beschreibt. Wenn Leidenschaft Leiden schafft Philipp Schreyer spielte nicht nur in einer Punkband und ist Gemeinde- bzw. Stadtrat in Grein, er studierte vor allem Unternehmensführung und E-Businessmanagement und machte seinen Master in Management mit Spezialisierung auf Controlling in Krems. Eine scheinbar perfekte Basis, um ein Unternehmen zu gründen, und genau das war sein Plan. Er wollte seine Leidenschaft zum Bierbrauen zum Geschäft machen und eine Brauerei gründen. Der heute 35-Jährige kreierte vor fünf Jahren daher seine „Interpretation von Märzenbier“, entwickelte eine Rezeptur, baute seine Brauanlage aus und war bereit loszulegen: „Ich habe gesehen, es funktioniert. Wenn ich zwei Chargen à 1.800 Liter pro Monat verkaufen würde, könnte ich theoretisch davon leben. Als Akademiker hat mich das Handwerkliche immer gereizt.“ Doch dann kam die Behörde, und es startete eine wahre „Tour de Farce“ (siehe Interview), die sich mit Unterbrechungen über drei Jahre lang hinzog. Berge von Akten – die ganze Verfahrensdokumentation wurde nicht digital durchgeführt, sondern musste auf Papier viermal ausgedruckt werden – zeugen davon. Nachdem er von der BH Perg im Kreis geschickt wurde, die Lebensmittelbehörde grünes Licht gab und alle technischen Anlagen nach einem Spießrutenlauf abgenommen wurden, kam es zum Lokalaugenschein und zur Bauverhandlung, mehr als drei Jahre nach seinem ersten Vorstelligwerden. Ein reiner Formalakt? 28 Nachbarn waren dazu eingeladen, nur wenige kamen. Seitens der Behörde kamen ein Beamter, eine Protokollantin und ein Techniker. „Der Techniker meinte die Raumhöhe sei zu gering. Sie müsste 50 cm höher sein. Ich meinte: Das ist ein denkmalgeschütztes Haus, ich darf hier keine Umbauten vornehmen, soll ich etwa in die Tiefe graben?“ Dazu beanstandete er eine Malzmühle, die nicht im Innenraum stehen dürfte, weil sich das Malz selbst entzünden könnte. „Ich schrote 20 kg Malz, was soll sich da entzünden? 9/2023 | CHEFINFO | 17 FOTOS: HERMANN WAKOLBINGER, KERRICK / ISTOCK / GETTY IMAGES PLUS Jeder dieser Schritte, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, passierte nicht digital, sondern musste auf Papier jeweils viermal ausgedruckt werden. Philipp Schreyer Gründer Ackerbürger Bräu Handels e. U. Es heißt immer: Gründet Jungunternehmen und Startups, aber mit diesem Amtsdeutsch und Bittstellertum werden viele Gründungen im Keim erstickt. Philipp Schreyer Gründer Ackerbürger Bräu Handels e. U. „Es war zum Mäusemelken“ Philipp Schreyer investierte viel Geld in eine Brauanlage, die er dann behördlich nicht in Betrieb nehmen durfte. Warum, fragt er sich bis heute. Er fühlt sich als hilfloser Bittsteller. Ô

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